Resilienz statt Trauerphasen

Resilienz statt Trauerphasen
Photo by M. / Unsplash

Wenn man mit dem Tod eines nahe stehenden Menschen konfrontiert wird, so beginnt ein Prozess der Trauer, dem manche Menschen zuerst einmal recht hilflos gegenüber stehen. Der erste Schock ebbt ab, der Schmerz und die Trauer setzen mit Wucht ein und können einen schnell auch einmal völlig überfordern. Wie soll man diesen Verlust verarbeiten, wie soll man diesen Schmerz ertragen, wie soll man jemals wieder in ein normales Leben zurück finden?

Viele Menschen suchen in solch einem Trauerfall Hilfe und Unterstützung, und diese finden sie entweder im persönlichen Umfeld, bei einem Seelsorger, einem Therapeuten oder einem Trauerbegleiter. Viele dieser Begleiter stützen sich dabei auf Modelle, die im Bereich der Trauerbegleitung bisher als gültig angenommen wurden, meistens handelt es sich dabei um das Modell der Trauerphasen nach Verena Kast.

Die Trauerphasen

Verena Kast hat aus dem Modell der Phasen des Abschiednehmens von Sterbenden, welches von Elisabeth Kübler-Ross entwickelt worden ist, ein Modell der Trauerphasen erarbeitet, die ein Mensch nach einem Todesfall durchläuft.

Phase I: Leugnen

Wenn der Mensch die Todesnachricht erhält, ist die erste Phase oft ein Schockzustand, in dem die Nachricht geleugnet wird, sie soll und darf nicht wahr sein. Die Emotionen und die Wahrnehmungen sind wie betäubt, die Welt wird wie durch eine Watteschicht wahr genommen. In dieser Phase treten auch oft körperliche Reaktionen auf, es kann zu Appetitlosigkeit. Herzrasen, Schlaflosigkeit oder Unwohlsein kommen. Nach einigen Stunden oder wenigen Tagen klingt diese Phase ab.

Phase II: Heftige Emotionen

Nachdem der Schock abgeklungen ist, treten intensive Emotionen auf: Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Wut, Aggressionen, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Depression, Erleichterung und ein schlechtes Gewissen können abwechselnd auf treten. Diese Emotionen werden dabei oft sehr intensiv empfunden und brechen mit aller Macht hervor.

Besonders Gefühle wie Freude oder Erleichterung (zum Beispiel darüber, dass der lange Leidensweg des verstorbenen Menschen endlich beendet ist) werden oft von einem heftigen schlechten Gewissen begleitet – wie kann man sich nur über den Tod eines geliebten Menschen freuen? Das schlechte Gewissen und Gefühle des Bedauerns können auch dann auftreten, wenn man der Meinung ist, man habe zu Lebzeiten des Toten etwas mit ihm versäumt.

Phase III: Erinnern und Abschied nehmen

Nachdem die ersten heftigen Gefühle abgeklungen sind, beginnt die Phase des bewussten Erinnerns, in der man die Beziehung zum Toten noch einmal nach empfindet, vielleicht offene Themen mit ihm innerlich zum Abschluss bringt und so Schritt für Schritt von ihm Abschied nimmt und sich mit dem Verlust aussöhnt. In dieser Phase kann es auch passieren, dass man den Verstorbenen zu sehen glaubt oder seine Stimme vernimmt. Nach und nach verabschiedet man sich und wendet sich der neuen Wirklichkeit ohne diesen Toten zu.

Phase IV: Aufbruch

In den vorherigen Phasen hat sich der trauernde Mensch oft aus dem üblichen Alltagsleben zurück gezogen und nur das Nötigste getan, damit es weiter funktioniert. Nun beginnt er, sich zögerlich schrittweise in sein neues Leben zurück zu tasten; es werden alte Beschäftigungen und Beziehungen wieder aufgenommen oder gar neue begonnen. Der Verstorbene ist zu einem inneren Begleiter geworden, und man ist nun wieder offen, das Leben zu umarmen und die Zukunft zu gestalten.

Die Dauer der Trauerphasen ist natürlich nicht genormt, auch kann es immer wieder einmal einen Rückfall in eine vorhergehende Phase geben. Grundsätzlich geht man aber davon aus, dass sie sich über viele Monate, wenn nicht gar Jahre hinziehen werden.

Kritik der modernen Trauerforschung am Phasenmodell

Verena Kast hat ihr Modell in den 1970er Jahren entwickelt, daher wird es natürlich immer wieder einmal einer kritischen Bestandsaufnahme unterzogen. Die moderne Trauerforschung beschäftigt sich seit etwa zwanzig Jahren dezidiert mittels wissenschaftlicher Methoden mit dem Thema Trauer, und ist dabei zu einigen überraschenden neuen Erkenntnissen gekommen, die das Modell der Trauerphasen stark in Frage stellen.

Zu starre Erwartungen

Ein großer Kritikpunkt am Konzept der Trauerphasen ist es, dass sowohl Laien als auch professionelle Begleiter daraus zu starre Erwartungen ableiten, die auf den Trauernden einen enormen Druck ausüben können. So gibt es das Denkmodell, dass in den Trauerphasen intensive Emotionen auftreten und ausgelebt werden sollten – tut der Trauernde das nicht, so unterstellt man ihm ungesunde Verdrängung. Auch die Dauer der Trauer sollte bestimmte Zeiten nicht überschreiten, so glaubt man, deshalb wird eine längere Dauer schon bald als krankhaft angesehen und eine Therapie empfohlen.

Nicht empirisch nachgewiesen

Das Modell wurde anhand anekdotischer Beobachtungen entwickelt, welches allerdings nie mit wissenschaftlichen Methoden überprüft wurde. So hat man sich auf eine Theorie gestützt, deren praktische Überprüfung nicht statt gefunden hat. Und die neuesten Erkenntnisse der modernen wissenschaftlichen Trauerforschung haben in der Tat ergeben, dass das Modell einer empirischen Überprüfung nicht stand hält – die Trauer kann bei verschiedenen Menschen ganz andere Formen und Prozesse zeigen.

Die Forderung nach Abschied nehmen

Das erklärte Ziel der Tiefenpsychologie und des Modells der Trauerphasen ist es, durch einen bewussten Abschied die emotionale Bindung zum verstorbenen Menschen zu lösen und so von ihm Abschied zu nehmen. Auch hier stehen dieser Forderung die Erkenntnisse der Trauerforschung entgegen: Für sehr viele Menschen ist es sinnvoller und gesünder, die Beziehung zum Verstorbenen nur zu transformieren und in neuer Form aufrecht zu erhalten.

Daher wird die Richtigkeit und Allgemeingültigkeit des Modells mittlerweile stark in Zweifel gezogen. Sicher mag es einige Menschen geben, bei denen der Trauerprozess dergestalt ab läuft, aber das Modell sollte keineswegs als Standard für alle Menschen voraus gesetzt werden.

Resilienz statt Trauerphasen

Der führende Experte im Bereich der Trauerforschung ist der amerikanische Professor der klinischen Psychologie George Bonanno. Er forscht seit Jahrzehnten im Bereich der Trauer und hat dabei viele systematische Studien durch geführt, in denen er die Menschen zum Teil über lange Jahre hinweg begleitet hat. Daraus hat er wertvolle Erkenntnisse gewonnen, die die bisherigen Vorstellungen der Trauer als überholt erscheinen lassen.

Sein zentraler Punkt ist dabei, dass auch im Trauerfall die Resilienz des Menschen zum Tragen kommt. Unter Resilienz versteht man die natürlichen Selbstheilungskräfte des Menschen, die auch in schweren Krisen ohne Hilfe von außen das gesunde psychische Gleichgewicht des Menschen in oft erstaunlich kurzer Zeit wieder herstellen können. Die natürliche Erholung ist dabei die Regel, nur in Ausnahmefällen benötigt der Mensch professionelle Unterstützung. Im Gegenteil, manche Studien haben aufgezeigt, dass Trauerbegleitung oder eine Therapie diesen natürlichen Selbstheilungsprozess sogar empfindlich stören können, wenn sie ohne Notwendigkeit aufgezwungen werden.

Wellen und positive Gefühle

Die Forschungen haben auch ergeben, dass Trauer und die damit verbundenen unterschiedlichen Gefühle nicht in Phasen kommen, sondern eher eine Wellenbewegung darstellen, deren Intensität immer mehr abnimmt. Und in einem Trauerprozess bei einem resilienten Menschen tauchen zudem sehr früh auch wieder positive Gefühle auf – ein spontanes fröhliches Lachen, der Trost einer schönen Erinnerung, einige unbeschwerte Momente, in denen der Verlust kurzfristig vergessen ist.

Das alles sind kleine Auszeiten, die die Bewältigung der Trauer erleichtern und der Entwicklung einer echten Depression vorbeugen. Zudem ist es auch durchaus heilsam, seine Gefühle auch einmal zu unterdrücken, damit sich die Psyche erholen kann – bei Muskeln nimmt man ja auch einmal Schmerztabletten, damit sich der kranke Muskel nicht noch mehr verzerrt.

Zudem müssen auch nicht zwangsweise diese sehr intensiven Gefühle der Trauer auftreten, wie es bisher immer angenommen, ja quasi gefordert wurde, denn selbst bei dem Verlust eines sehr nahe stehenden Menschen wie dem Ehepartner können diese Gefühle auch nur sehr milde ausfallen – Trauer ist eben sehr individuell.

Vertrauen in die eigene Kraft

Für viele Trauernde stellen diese Erkenntnisse sicher eine große Hilfe dar, haben sie doch vielleicht bei sich gespürt, dass der Verlauf ihrer eigenen Trauer so gar nicht den bisherigen Erwartungen entsprach – ein zusätzlicher Druck, mit dem sie fertig werden mussten. Die Erkenntnis, dass der gesunde Mensch im Normalfall über genügend Ressourcen verfügt, um mit so einem schrecklichen Erlebnis fertig zu werden, ist sicher ein Trost, der einen auch in einer sehr dunklen Stunde etwas aufrichten kann.