Trauertattoos - Gefühlswelten, die unter die Haut gehen

Trauertattoos - Gefühlswelten, die unter die Haut gehen
Photo by Maxim Hopman / Unsplash

„Mein Bruder war eine lebensbejahende Frohnatur! Als er von einer Motorradtour nicht mehr zurückkehrte, veränderte sich das Leben in unserer Familie von einem Tag auf den anderen!“

Michaela, 27 Jahre alt, ist eine von vielen tausenden Menschen, die sich für eine ganz persönliche Form des Gedenken entschieden haben - das Trauertattoo.

Lesen Sie in diesem Artikel was Trauernde dazu bewegt Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen als Tätowierung auf ihrem Körper zu verewigen und welche Aspekte der Trauerbewältigung hierbei eine zentrale Rolle spielen.

In diesem Artikel erfahren Sie mehr über

  • Gründe und Motivationen für ein Trauertattoo
  • Entscheidungsgrundlagen vor dem Besuch im Tattoostudio
  • Die Wirkung von Gedenk-Tätowierungen

Das Phänomen „Trauertattoo“ ist ist seit Jahrzehnten ein Bestandteil aktiver Trauerkultur. Von symbolischen Herzen mit Flatterband, Namen, Gesichtern bis hin zur Illustration bedeutungsvoller Daten - Menschen, die einen persönlichen Verlust durchleben, entscheiden sich für eine Tätowierungen, aus einer Vielzahl an Gründen, um Ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen.

Gespräche mit Trauernden zeigen eindrucksvoll, dass Gedenktätowierungen wichtige Funktionen im Trauerprozess erfüllen können. Hierbei wirken diese persönlichen Kunstwerke als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel im privaten Umfeld und symbolisieren eine Verbindung zu einer geliebten Person über den Tod hinaus.

Trauertattoo als Zeichen einer ewigen Beziehung

Die große Mehrheit der Menschen, die sich für ein Trauertattoo entscheiden, betont die Bedeutung der anhaltenden Verbindung, die mit ihrer Tätowierung ausgedrückt wird. Das Tattoo selbst fungiert als Erinnerungsbewahrer, der den Hinterbliebenen hilft "nicht zu vergessen". Michaela bestätigt dies: „Durch das Tattoo wird mich mein Bruder immer begleiten und ich werde ihn nie vergessen - der Ausdruck meiner ewigen Verbindung zu ihm war von Anfang an meine Motivation für das Tattoo.“

In unserem Magazin-Artikel Erinnerungen zulassen, erfahren Sie mehr über die Bedeutung von Erinnerungen für einen heilsamen Trauerprozess.

Trauertattoo als Werkzeug zur Trauerbewältigung

„Gedenktätowierungen sind für viele ein Werkzeug zur Trauerbewältigung“, erzählt der Hamburger Tätowierer Mike. „Viele meiner Kundinnen und Kunden erzählen mir von den Geschichten hinter ihrem Tattoo-Wunsch. Oft sind es sehr persönliche Berichte über schmerzhafte Verluste. Meine Arbeit hilft ihnen bei der Bewältigung ihrer Trauer und gibt den Verstorbenen eine „neue Existenz“ in einem intimen Format.“

Trauertattoo als Kommunikationsmittel

Gedenktätowierungen eröffnen eine Möglichkeit, über Verstorbene zu sprechen, was für Trauernde ein wichtiges Bedürfnis sein kann. Tätowierungen jeglicher Art regen Kommunikation mit anderen an. Dies wird in den verschiedenen Trauergruppen, in denen Menschen gemeinsam über ihre persönlichen Verluste sprechen und sich gegenseitig in der persönlichen Trauerbewältigung unterstützen, deutlich. Die AbschiedsPlanerin Nadine Weske berichtet aus Ihren Trauergruppen, die Sie als Moderatorin begleitet:

„Trauertätowierungen sind weit verbreitet. In meinen Gruppen berichten Mitglieder aktiv über Ihre Motive und Beweggründe für Ihren Entschluss sich tätowieren zu lassen. Oft beobachte ich, wie Gespräche über die persönlichen Beweggründe der Start zu neuen Kontakten und Freundschaften zwischen meinen Gruppenteilnehmern sind. Die Tätowierungen sind hierbei ein individuelles Kommunikationsmittel für ein persönliches Empfinden, welches nur schwer in Worten zu beschreiben ist.“

Erfahren Sie mehr zum Thema in unserem Magazin-Artikel Abschied nehmen: zwischen Erinnerung und weiterleben.

Trauertattoo - Transformation des Selbst

Mehrere Trauernde, die sich für den Weg in ein Tattoo Studio entschieden haben, berichten zudem, dass ihre Gedenktätowierungen eine Veränderung ihrer Identität in mindestens einem Aspekt ihres Lebens bewirkt haben. Michaela erklärt: “Die Gedenktätowierung für meinen Bruder hat mir dabei geholfen mich auf einen Prozess einzulassen, in dem ich mich aktiv mit dem Geschehenen und dem Hier und Jetzt auseinander setze.“ Michaela fasst die Bedeutung Ihres Tattoos für sie so zusammen: “Es hat mich als Person wachsen lassen, in meinem Selbstvertrauen und in meinem Ausdruck! Es hat mir ermöglicht mit Dingen umzugehen und hilft mir dabei mich nicht zu schämen, über Dinge zu sprechen, die mich beschäftigen. Denn es ist in Ordnung zu weinen - es ist in Ordnung, verärgert zu sein!“

Lesen Sie in unserem Magazinartikel Trauer ist vielfältig über die aktive Auseinandersetzung mit Trauer.

Trauertattoo - Vor der Entscheidung

Auch wenn Trauertattoos viele positive Aspekte vereinen, sollten Sie Ihre Entscheidung für eine Tätowierung gut überdenken und sich die Zeit nehmen, die Sie für diese Entscheidung benötigt. Tätowierungen sind permanent und für viele kann die konstante Erinnerung an einen geliebten Menschen zur Herausforderung werden. Vor allem Tätowierungen an prominenten und öffentlich sichtbaren Stellen können dazu führen, dass Sie vermehrt auf eine schmerzhafte Lebensphase angesprochen werden.

Ferner ist es möglich, dass Ihnen das gewählte Motiv mit der Zeit nicht mehr gefällt . Dies kann mitunter dazu führen, dass das Tattoo sogar entfernt oder überstochen werden muss, was wiederum einen langwierigen und kostspieligen Prozess bedeutet.

Trauertattoo - Alternativen

Sofern Sie (noch) nicht sicher sind, ob eine Tätowierung das passende Ausdrucks- und Kommunikationsmittel für Sie ist, gibt es weitere Möglichkeiten Ihre persönliche Situation physisch darzustellen. Durch das Tragen einer Trauernadel oder einer Trauerschleife, zeigen Sie Ihrer Umwelt, dass Sie trauern. Außerdem symbolisieren Sie durch das Tragen des Trauerflors Ihre Beziehung zu einem geliebten Menschen und/ oder verdeutlichen Ihrer Verbundenheit und Unterstützung für Menschen in schweren Lebensphasen.

Lernen Sie verschiedene Abschiedsrituale in unserem Magazinartikel Abschiedsrituale kennen, die bei einer aktiven Trauerbewältigung helfen können.

Ein Buch über Trauertattoos

Trauertattoo – Unsere Haut als Gefühlslandschaft

Ein einzigartiger Überblick zu dem Themenbereich. Auf insgesamt 92 Seiten bietet das Buch persönliche Einblicke, dienende Fotos und hilfreiche Hintergrundinformationen zum Phänomen „Trauertattoo“.

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Neben 13 kurzen Interviews, die eine Art Essenz der langen Gespräche sind, kommen Experten zu Wort. Lisa Schönberg, Psychologin, Dr. Erich Kasten, Professor der Neuropsychologie und der medial bekannte Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke stellen sich ebenfalls den Fragen, die sich der Autorin Katrin Hartig bei der Auseinandersetzung mit der Beobachtung ergeben haben. 7 lange Interviews lassen zudem einen ausführlichen Blick in die Seelen der Betroffenen zu, bzw. soweit, wie sie den Betrachter in ihr Inneres in Bezug auf ihre Tattoos blicken lassen wollen.

Neben dem Buch gibt es eine Wanderausstellung, die bereits an vielen Orten in Deutschland zu sehen war.

Trauertattoo - Ein persönliches Gedenken

Zusammengefasst bleibt - ein Gedenktätowierungen ist eine zutiefst persönliche Art des Gedenken. Bevor Sie sich für Ihr ganz persönliches Stück Body Art entscheiden, kann ein Gespräch mit der Tätowierin oder dem Tätowierer Ihrer Wahl hilfreich sein. Erfahren Sie vorab, ob Sie auf einer „Wellenlänge“ sind und informieren Sie sich über mögliche Motive und Erfahrungen andere Personen, die diese Form der Trauerbewältigung gewählt haben. Trauertattos geben einen Einblick in unsere Gefühlswelt und sind weit mehr als eine Abbildung einer gelebten Beziehung.